Entmietung

An den leeren Fensterhöhlen zeigen verbliebene Satellitenschüsseln in die alte Heimat, nach Rumänien. Aus einem kleinen Dorf in der Nähe von Bukarest, zogen 2015 rund 350 Rom:nja in den damals leerstehenden Plattenbau aus DDR Zeiten und bildeten dort eine Art Gemeinschaft. Inzwischen sind Bauarbeiter damit beschäftigt das Haus für den Abriss leerzuräumen und kippen den Schutt durch ein gelbes Rohr in einen Container im Innenhof.

Seit eine neue Investorin 2019 Vermieterin des Hauses gewordenist, häuften sich die Mängel. Stand zuerst noch eine Renovierung im Raum, mit anschließendem Wiedereinzug der Mieter, entschloss sie sich 2020 das Haus abzureißen und dort einen hochmodernen Wohn- und Arbeitskomplex zu errichten. Dazu müssen aber alle Mieter ausgezogen sein. Da es zum Teil größere Familienverbände sind, ist eine anderweitige Unterbringung nicht so einfach. Dazu kommen die Vorurteile gegen Rom:nja, die potentielle, neue Vermieter eher abschrecken.

Die Medien beschrieben das Haus mit der Adresse „Straße der Pariser Kommune 20“ als „Schrottimmobilie“, als „Problemhaus zwischen Berghain und Zalando“. Vor allem die Boulevard-Presse stellte das Haus gerne als sozialen Brennpunkt, oder im letzten Herbst auch als Corona-Hotspot in rassistisch aufgeladenen Berichten dar. In zwei Fällen wurde von Nachbarn auf Kinder geschossen, da diese angeblich zu laut waren.

Bei meinem Besuch in der letzten Woche schienen die meisten Mieter vertrieben worden zu sein. Ein kleines Kinderfahrrad stand einsam und verlassen an der Tür. Nur an einem Eingang stehen noch zwei Namen an den Briefkästen. Ein Zettel klärt darüber auf, dass die Warmwasserzufuhr endgültig unterbrochen werde. Die Mieter sollen sich zur Anbringung von Warmwasserboilern bitte einen der angegebenen Termine aussuchen, damit die Handwerker die Installation vornehmen können. Der Druck wird damit weiter verstärkt.

Weitere lesenswerte Reportagen und Berichte zu der Immobilie finden sich hier:

Neues Deutschland vom 27.04.22 – Zwangsräumung vorerst abgewendet
Bell Tower vom Oktober 2021 – Eine Roma-Community in Berlin wird bald obdachlos
Berliner Mieterverein – Unser größter Wunsch wäre, dass die Politik endlich was macht

Es ist keine schöne Ecke neben dem ehemaligen ND Gebäude, keine Frage. Das Wriezener Karree liegt gesamtheitlich im Dornröschenschlaf. Ein altes Ramsch-Möbelhaus, was lange Zeit als Testcenter fungierte, umgeben von unansehnlichen Brachflächen mitten in einem angesagten Kiez. Aber es tut sich was.

Bei der Recherche bin ich auf die die Website Wriezener Karree gestoßen. Hier kann man sich in vielen bunter Bildern anschauen wie sich die Architekten Graft und die TLG die zukünftige Entwicklung vorstellen. Geplant ist ein „Moderner Work-Life-Campus, der das Berliner Lebensgefühl einfängt“. Keine dringend benötigten Wohnungen, sondern wieder Bürofläche. Ich bin immer wieder erstaunt, dass in Zeiten von Homeoffice dieses Mantra weiterhin Bestand hat.

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