Stiftsbezirk St. Gallen

Noch bevor draußen der erste Hahn kräht, sitzt er bereits über das Pergament gebeugt. Das Licht der kleinen Fensterscheiben reicht kaum aus, also flackert neben ihm eine rußende Öllampe. Federkiel, Tinte, Lineal und Messer liegen ordentlich bereit — Werkzeuge für eine Arbeit, die Geduld verlangt wie kaum eine andere. Jeder Buchstabe entsteht langsam und mit ruhiger Hand, denn ein Fehler lässt sich nicht einfach löschen. Wird die Tinte verschrieben, muss das Pergament vorsichtig abgeschabt und geglättet werden, bevor die Zeile erneut geschrieben werden kann.

So oder ähnlich könnte der Alltag eines Mönchs im Skriptorium seines Klosters ausgesehen haben, mit dem er, mit vielen anderen Schreibern, Urkunden ausstellte, Buchabschriften vornahm, oder alte Texte kopierte. Schließlich war jedes Werk ein Einzelstück, Kopierer noch nicht erfunden. Wollte man also ein zweites Exemplar, musste es neu geschrieben werden.

Die Ehrfurcht vor dieser Leistung wird in der barocken Stiftsbibliothek in St. Gallen spürbar. Leise, mit Filzlatschen an den Füßen, schlurfen die Besucher durch den Raum und bestaunen die ausgestellten Bücher. Manche aufgeschlagen in Vitrinen, viele Andere verschlossen in den Regalen.

Der Büchersaal der Stiftsbibliothek, kunstvoll geschmückt und in seinen Proportionen ausgewogen, wird als der schönste nicht-kirchliche Barockraum der Schweiz und als einer der in ihrer Form vollendetsten Bibliotheksbauten der Welt angesehen. Der Saal wurde von 1758 bis 1767 unter den Äbten Cölestin II. Gugger von Staudach und Beda Angehrn erbaut.

Der ganze Stiftsbezirk St. Gallen wurde bereits 1983 von der UNESCO zum Weltdokumentenerbe erhoben. Besonders schützenswert ist der Fussboden aus Tannenholz in der Bibliothek, in dem vier grosse Sterne und rankenartige Schlingungen in Nussbaumholz eingelassen sind.

Das war mir gar nicht bewusst, bis zum dem Zeitpunkt, als mich die nette Aufsicht ansprach und fragte, ob ich gut versichert wäre. Ich war etwas verwirrt ob der Frage, aber dann war mir klar, auf was der Wächter hinauswollte. Ich hatte meine schwere Kamera einfach in der Hand gehalten und ein Fall derselben, hätte den Fußboden beschädigt. Also schnell den Kamerariemen um den Hals gelegt. Safety first.

Auf jeden Fall lohnt sich ein Besuch des Stiftsbezirks St. Gallen und der Stadt natürlich auch. Die 18 SFR sind gut angelegt und geben einen Einblick in die entstehende Macht der Kirche vor nun fast 1600 Jahren. Ein weiteres interessantes Objekt wird ebenfalls dort aufbewahrt, der „St. Galler Klosterplan„, der auf der Reichenau um 825 entstanden ist. Dieser stellt die ideale Gestaltung einer Klosteranlage zur Karolingerzeit dar. In der europäischen Geschichte ist er das früheste Dokument, das einen eigenen Bau für eine Bibliothek und eine Schreibwerkstatt ausweist.

„Mit dem „Campus Galli“ entstand in der Nähe von Meßkirch vor inzwischen mehr als 10 Jahren das ehrgeizige Vorhaben, den St. Galler Klosterplan als echte Mittelalterbaustelle zum Leben zu erwecken. Es geht dabei nicht um den Nachbau des Klosters von St. Gallen zu einem bestimmten Zeitpunkt, sondern um den Bau eines Klosters, wie es vielleicht in dieser Gegend im 9. Jahrhundert hätte entstehen können. Oder anders gesagt, um den Bau jenes Klosters, das entstanden wäre, wenn der Mönch Gallus nicht an der Stelle des heutigen St. Gallens, sondern hier an der Oberen Donau beerdigt worden wäre.“ (Aus der Website des Campus Galli)

Mein Fotoclub plant seinen Jahresausflug dorthin und ich bin schon sehr gespannt. Der Aufbau der Anlage erfolgt nämlich nicht mit modernen Mitteln, sondern jedes Bauwerk, jedes Feld und alles was man für den Bau benötigt wird mit dem Handwerk seiner Zeit bestellt und erledigt. Selbst die dort freiwillig arbeitenden Menschen kleiden sich wie im damaligen Mittelalter. Das gibt bestimmt tolle Fotomotive.

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