Gaustatoppen

Am Morgen nach einer unruhigen Nacht, erblicken wir aus dem Wohnmobilfenster einen blauen Himmel. Hätte ich nach dem Sturm und Regen heute Nacht nicht erwartet. Aber so ist das wohl in den Bergen. Der Blick auf den Gipfel des Gaustatoppen zeigt klare Sicht. Um uns herum wabern noch die Nebel in der Morgensonne über dem See. Wir haben uns für die „Seniorenvariante“ entschieden: Hoch und runter mit der Gaustabanen.

Gaustatoppen
Gaustatoppen – Foto: h|b

Für zusammen 780 Kronen erstehen wir die Tickets für die Fahrt in den Himmel. So sieht es zumindest aus, als wir mit dem ersten – doch sehr gemütlichen Bähnchen – den Umsteigepunkt erreichen. Hatte mich schon gefragt, wie wir denn damit den Gipfel erreichen sollen. Nun stehen wir vor der Saturn V und warten darauf in die Umlaufbahn geschossen zu werden. Wer baut sowas? Und warum? Dazu muss man wissen dass der Gaustatoppen im „Kalten Krieg“ ein wichtiger Horchposten Richtung Osten war. Und geheim.

Wir nehmen die Kabine 4 und werden exklusiv nach oben befördert. Gefühlte Steigung, irgendwas nahe 90%. Nur senkrecht wäre mehr. In Wirklichkeit sind es „nur“ 39%, gerade nachgelesen. Nach etwas über 1000 Metern Standseilbahn werden wir ins Freie entlassen, was – wie bereits befürchtet – aus einem weißen Nichts besteht. Der Gipfel ist komplett von Wolken verhüllt, die der Wind permanent von der einen Seite nach oben spült. Wir kaufen uns erstmal einen völlig überteuerten Kaffee im Kiosk von einer Frau die – Tatsache- kaum englisch spricht, nur norwegisch. An einem Touristen Hotspot! Sachen gibts. Vielleicht hatte sie aber nur keine Bock, kann ja auch sein.

Wir setzen uns dann nach draußen an ein windgeschütztes Eckchen und harren der Dinge. Zum Beispiel das es aufklart. Tut es aber nicht und wird es auch den ganzen Tag nicht tun. In mir reift ein verwegener Gedanke. Um doch noch ein paar Fotos aus der Höhe zu bekommen, laufe ich einfach nach unten, bis ich unter den Nebel komme. War ja von unten aus gesehen nur so eine Art Hut auf dem Gipfel. Unter der Krempe müsste doch alles klar sein. Ich frage eine kleine Gruppe die auch schon hochgelaufen ist (mein vollster Respekt übrigens) wann denn der Nebel begonnen habe und bekomme die Antwort: Etwa eine halbe Stunde vor dem Gipfel. Na, das klingt doch gut. Mein Entschluss steht fest: Ich laufe runter.

Ich verabschiede mich von meiner Frau, ich sage ihr noch wo das Testament liegt, und so trennen sich unsere Wege. Am Anfang noch gut gelaunt bewege ich mich durch den Nebel und das Felsenmeer. Ab und an sehe ich Nebelgestalten auf mich zukommen, die sich dann als Menschen entpuppen. Meine Frage nach dem Ende der Nebelsuppe wird ausweichend beantwortet. Kann wohl noch dauern. Aber irgendwann ist es dann soweit, ich kann wieder sehen! Also in die Ferne. Die Seen, die Berge, alles liegt unter mir ausgebreitet. So hatte ich mir das vorgestellt. Perfekt. Also Kamera raus und fotografieren.

Ich hatte bis dahin aber nicht mal die Hälfte des Weges geschafft, die roten T, die den Weg nach unten begleiten, waren in ihrer Menge nicht zu übersehen. Ein T, noch ein T, weitere Ts, immer weiter. Jeder Schritt will bedacht sein. Höchste Konzentration, nicht leichtsinnig werden. Die Beine fühlen sich langsam an wie aus Gummi. Der Weg nach unten verlangt eine dauerhafte Haltung wie in der Hocke beim Skifahren, nur muss man hier noch dabei laufen. Zwischendurch mal verschnaufen, den Beinen einen Moment Ruhe gönnen. Ich. Bin. Nichts. Gewohnt! 

Aber die Aussicht macht vieles wett. Wenn es doch nur mal ein Stück gerade aus ginge. Was würde ich dafür geben, die Beine mal gerade zu stellen. Keine Chance. Bergab ist nun mal bergab. Nach anderthalb Stunden wanke ich wie ein Betrunkener auf festem Boden auf unser Wohnmobil zu. Ich habs geschafft. I did it. A lifetime achievement. Oh Mann, ich bin einfach nur einen blöden Berg runtergelaufen, krieg dich wieder ein. Es war nicht mal der Mount Everest, sondern einfach nur der Gaustatoppen. Aber hey, für Flachlandberliner wie mich eine echte Herausforderung. Am Ende des Tages erholen wir uns auf dem Sandviken Camping direkt am Tinnsjå See und ich hoffe auf einen erholsamen Schlaf heute Nacht. Gute Nacht Gaustatoppen, schlaf gut.

Und wie immer am Ende einige Impressionen des Tages

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