Brügge sehn und …

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Die Silhouette von Brügge im Gegenlicht der Abendsonne – Foto: h|b

… auf jeden Fall nicht sterben, da muss man schließlich mehr als einmal hin. Es ist schon ein sehr schmuckes Städtchen, von denen es auf der Welt nicht allzuviele geben dürfte. Eine gut erhaltene Stadt aus dem Mittelalter, bei der man aus dem Staunen nicht mehr herauskommt. Daher gehört die Stadt auch zu Recht zum Weltkulturerbe der Unesco.

Aber eigentlich wollten wir da ja heute gar nicht hin, sondern erst morgen, aber manchmal entwickeln sich Dinge eben anders als man denkt. Am Morgen haben wir Calais verlassen und sind über kleine Sträßchen die Küste entlang gefahren. Ohne es recht zu merken, sind wir auf einmal in Belgien. Gut dass unser Navi aufpasst und sich bei jedem Grenzübertritt zu Wort meldet. Hier haben wir uns in Westende Bad, kurz vor Mittelkerke einen Stellplatz direkt am Strand ausgesucht. Auch nur eine kurze Etappe von 60 Kilometern, aber wie schon geschrieben, wir machen gemütlich voran.

War Calais schon relativ tot, war das hier noch die Steigerung. Wenn es den Begriff „töter“ geben würde, dieser Ort hätte ihn mit Sicherheit verdient. Kilometerlang erstrecken sich Hochhäuser entlang der menschenleeren Strandpromenade, an jedem dritten der dunklen Fenster klebt ein „zu verkaufen“ Schild. Hier ist definitiv nur im Sommer was los, den Rest des Jahres sind vermutlich Aufräumarbeiten angesagt. In der zweiten Reihe haben dann doch einige Läden auf, und wir können uns zwei leckere Kuchenstückchen organisieren. Im Wohnmobil zurück, ist es dann Zeit für den Nachmittagskaffee, der wieder einsetzende Nieselregen schlägt dabei allerdings etwas aufs Gemüt. Über dem flaschengrünen Meer dräut ein dunkler Wolkenhimmel. Wollen wir hier wirklich bleiben?

Nein, wollen wir nicht! Kurzentschlossen disponieren wir um und setzen Brügge auf die Tagesordnung. Laut Wetterprognose soll es da heute noch schön sein und morgen regnen. Der Vorteil eines Wohnmobils ist ja schließlich die Spontanität und Beweglichkeit. Kurz entschlossen docken wir wieder ab und nehmen die knapp 40 Kilometer unter die Räder. Gegen 15 Uhr sind wir da und finden den angegebenen Stellplatz inmitten einer Marina, schön am Stadtrand von Brügge gelegen. Sogar mit Strom, purer Luxus inklusive.

Inzwischen ist auch der grauverhangene Himmel – wo wir schon an unserer Entscheidung gezweifelt hatten – einem wunderschön blauen Himmel gewichen und wir machen uns auf zur Eroberung von Brügge. Durch den Beginenhof schlängeln wir uns an Japanern vorbei, schauen den kleinen Touristenbooten beim durchqueren der Kanäle zu und staunen nach jeder Ecke über das pittoreske Stadtbild mit den kleinen Häuschen, die so sehr nach Hansestädten aussehen. Genau so eine Stadt war ja Brügge auch im 15. Jahrhundert. Hier wurden die Geschäfte gemacht. Dazu gibt es die prächtige Tuchhalle mit dem Campanile, schräg gegenüber das noch schickere Rathaus, die dritte Seite schließt mit den kleinen, bunten Patrizierhäuschen ab, in denen kleine Cafés und Restaurants beheimatet sind.

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Überall in Brügge lauert die süße Versuchung – Foto: h|b

Kirchen dürfen natürlich nicht fehlen und auch hier nur Superlativen. In der einen Kirche ist eine „Madonna mit Kind“ von Michelangelo zu sehen, zu der sogar Andy Warhol gepilgert sein soll, die andere Kirche beherbergt angeblich eine Phiole mit einigen Tropfen Christusblut, gut verschlossen in einer goldenen Truhe. Das haben wir alles heute erstmal nicht gesehen, dafür aber einen Schokoladenladen nach dem anderen, mit immer ausgefeilteren Kreationen in der Auslage. Und natürlich alles handgemacht. Beim treibenlassen durch die vielen Gässchen, finden wir dann auch „unseren“ Chocolatier und nehmen uns einen Vorrat an Leckereien mit nach Hause. Wir haben es sicherheitshalber gleich weggepackt, um der Versuchung zu widerstehen.

Das war also Brügge, ein Highlight der Tour wie ich jetzt schon mal sagen kann. Noch dazu eine richtige Entscheidung getroffen, auch wenn wir dadurch wahrscheinlich einen schönen Sonnenuntergang am Meer in einem toten Seebad sausen lassen mussten. Nach drei Stunden laufen über Kopfsteinpflaster haben wir uns den gemütlichen Abend redlich verdient und lassen ihn mit leckerer Wurst aus Boulogne sur mer, Käse und Brot aus Calais und Champagner aus Berlin ausklingen. Mit dem Champagner stoßen wir auf unser Wohnmobil an, das wir genau vor drei Jahren aus der Gefangenschaft seines Vermieters befreit hatten, um fortan gemeinsam mit uns die Welt zu entdecken. In diesem Sinne, ein kräftiges „Salute“ und liebe Kollegen und Kolleginnen aus dem Bahntower, danke für den Schampus.

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Die bunten Patrizierhäuser am Marktplatz in Brügge – Foto: h|b

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