Reisendenlenker

Seit Anfang Juli bin ich im Berliner Hauptbahnhof im Auftrag der DB Regio und über die DB Zeitarbeit als Reisendenlenker unterwegs. So als Ferienjob, wie so’n Studi in den Semesterferien. Aber irgendwie ist das Rentnerleben auch öde, wenn man nicht unterwegs sein kann. Und Menschen helfen, meinen alten Arbeitgeber unterstützen und dabei noch ein wenig Geld verdienen ist ja auch nicht schlecht. Immerhin für 14€ die Stunde. Der Diesel wird ja nicht billiger.

Was genau macht denn ein Reisendenlenker?

Ich stehe an den Wochenenden entweder morgens um kurz nach sechs mit meiner roten DB Weste an Gleis 5/6 im Hbf tief, oder um kurz nach 14 Uhr, je nach Schicht. Vorher hab ich mir am Servicepoint das Diensthandy und den Schlüssel für den Aufenthaltsraum geholt. Den Rest der Schicht kümmere ich mich mit meinen Kolleg:innen um die „hilflosen“ Reisenden.

Warum gibt es dieses Angebot an den Knotenbahnhöfen in Deutschland?

Die Annahme, dass zum Einen eine Menge Neukunden unterwegs sind, die mit dem 9€ Ticket das Zugfahren lernen und zum Anderen die Radreisenden die verstärkt ins Umland oder an die See fahren ist nach meiner Erfahrung korrekt und ich bin echt froh im Moment nicht mit dem Zug fahren zu müssen. Egal ob im Fern- oder Nahverkehr.

Rote Züge – Nahverkehr

An den beiden Gleisen im Berliner Tiefbahnhof fahren u.a. die RE’s nach Rostock und Stralsund, zwischendurch ergänzt durch IC und ICE nach Binz, Warnemünde, an die See, dort wo eigentlich alle hinwollen. Damit also keine Knäuel beim Einsteigen entstehen, kümmern wir uns im Voraus um die richtige Positionierung der zahlreichen Reisenden.

Aufgabe 1: Alle Radler bitte in den Abschnitt D, dort – direkt hinter der Lok – ist der große Fahrradwagen.

Ergebnis: Alle Radler stehen nach Einfahrt des Zuges richtig und können sich rasch im Fahrradwagen verteilen. Manchmal muss ich noch im Wagen darauf hinweisen, dass fahrradlose Passagiere bitte den Platz räumen mögen, aber bisher haben wir alle untergebracht.

Aufgabe 2: Alle die den Zugzielanzeiger nicht richtig interpretieren können, darauf hinweisen, dass es durchaus anspruchsvoll sein kann, von Abschnitt F nach D zu sprinten, wenn der RE eingefahren ist.

Ergebnis: Zug fährt ein, muss nicht allzulange stehen und ist ohne große Verspätung wieder raus. Das klappt …. meistens.

Die Abfahrtzeit der zu betreuenden Züge definiert dann auch ein wenig meinen Arbeitsrhythmus: Alle 2 Stunden um ’32 fährt der RE 3 nach Stralsund und um ’42 der RE 5 nach Rostock. Dazwischen dann noch Stendal oder Rathenow oder Züge der ODEG, und IC und ICE nach Hamburg, Kiel oder eben auch an die Küste.

Weiße Züge – Fernverkehr

Bei den Fernzügen helfen wir manchmal aus, hier ist die meistgestellte Frage am Bahnsteig: Wo finde ich denn den Wagenstandsanzeiger? Die Reisenden buchen ja brav Sitzplätze – sollte man im Sommer unbedingt tun, spart ne Menge Nerven – und suchen dann am Bahnsteig – wie früher – den Wagenstandsanzeiger, um sich richtig zu positionieren. Meine Antwort: Tut mir Leid, den gibt es nicht mehr.

Auf den darauf folgenden fragenden Blick zücke ich mein Diensthandy und starte die App „Bahnhof Live“. Dort sind alle Züge in der Reihenfolge ihres Auftretens am Berliner Bahnhof gelistet und im Kopf jeder Einzelansicht befindet sich der Button für, tataaaa, die aktuelle Reihenfolge der Wagen, sprich „Wagenstandsanzeiger„. Nach einer ersten erfolgten Auskunft und der Handbewegung zum entsprechenden Abschnitt bin ich dann meist sofort umringt von weiteren Reisenden, die nun alle ihre Reservierungen zücken. Auch das hilft natürlich bei der Standzeit der Züge im Bahnhof.

Warum es den Wagenstandsanzeiger an den Bahnsteigen nicht mehr gibt ist ein kleines DB Mysterium. Klar, die Häufigkeit in der Züge anders gereiht kommen, als ursprünglich vorgesehen war, steigt, das kann ich nach nun 6 Einsätzen definitiv bestätigen. Da helfen Ausdrucke nicht wirklich weiter, die bereits Makulatur wären, wenn sie aufgehängt werden. Ein Test mit einer elektronischen Anzeige als Ersatz läuft am Berliner Südkreuz, scheint aber noch nicht recht zu funktionieren. Vielleicht gibt es ja bald eine zufriedenstellende Nachfolgelösung.

Ach ja, der DB Navigator hilft auch beim Auffinden des gebuchten Wagens. Hat man dort die Verbindung gesucht und gefunden, befindet sich rechts neben dem Startbahnhof ein kleines Icon mit „ABC“. Dort klickt man drauf, dann kommt man in die nächste Ansicht, auf der man die Abschnitte und unten drunter den Zug als leere Kästchen sieht. Klickt man nun noch auf eins der Kästchen offenbaren sich die Wagennummern und man kann erkennen, welcher Wagen welchem Abschnitt am nächsten kommt.

Flixtrain – der „grüne“ Zug

Flixtrain nach Stuttgart

Das funktioniert natürlich nicht beim Flixtrain (FLX), der auch ab und an bei mir vorbeischaut. Der ist nicht im Bahnsystem hinterlegt. Inzwischen habe ich gelernt, dass der FLX immer nach dem selben Schema aufgebaut ist, nach der Lok kommt der Wagen 1, mittendrin die 100, danach die restlichen Wagen bis zur 7. Jetzt muss man nur noch wissen, wie der Zug einfährt und schon kann man sich positionieren. Die 100 hat mich beim ersten Mal schwer verwirrt, das ist aber der Wagen für Rollis und Räder.

Für die Kunden des FLX ist damit das Ende der Verwirrung leider noch nicht erreicht, wie ich letzt feststellen musste. Die Tickets für den FLX weisen als „Zugnummer“ die Linie aus, das ist dann z.B. die 10 nach Frankfurt/Stuttgart oder die 11 nach Köln. Auf dem Display am Bahnsteig steht aber zwischenzeitlich – der Kollege von Flix hatte mir letztens erzählt das wäre wohl neu – eine 5-stellige Zugnummer, also sowas wie 16324. Auch wenn der Flix-Train unverkennbar GRÜN für meist mindestens 10 Minuten am Bahnsteig steht und auf dem Display die korrekten Ziele stehen, sind letztens mehrere Reisende nach der Abfahrt panisch auf mich zugekommen und haben ihren Zug gesucht, der nun leider bereits auf dem Weg war.

Macht das Spaß?

Ja, mir schon. Zu erleben gibt es jede Menge, ich bin oft froh nicht betroffen zu sein und versuche zu helfen wo es geht. Es gibt Züge die haben erst Verspätung, dann noch mehr Verspätung und auf einmal verschwinden sie aus dem Display. Sofort steht am Fernbahngleis eine Traube Menschen um mich herum und mein Blick in den Navigator offenbart ihr Schicksal, dass sie selbst noch nicht kennen.

Wegen „Reparatur am Zug“ fällt der Zug komplett aus. Ein kleines, rotes X macht einen Strich durch jede Planung und ein paar hundert Reisende müssen sich nach Alternativen umsehen. Reservierungen sind natürlich hinfällig und die einzige Alternative, der nächste Zug, der an einem Wochenende sicher nicht leer ankommt, muss zusätzlich alle Reisenden vom ausgefallenen Zug aufnehmen. „Happy kuscheln“ ist angesagt und die Kolleg:innen von der Aufsicht – und später sicher auch die Teams im Zug – bekommen den vollen Frust ab.

Manchmal müssen Bahnsteige durch den riesigen Andrang gesperrt werden, andere Züge werden durch DB Sicherheit und Bahnpolizei wegen Überfüllung geräumt (die Züge nach Prag sind leider ab und an davon betroffen, da viele Backpacker diesen Zug ohne Reservierung nutzen und letztlich nur auf den Gängen stehen könnten, was aber ab einer bestimmten Menge zu Sicherheitsproblemen führen würde.)

Alles in allem eine spannende Aufgabe und ich bekomme auch sehr oft positives Feedback. Für die Hilfe, für die Anregungen, für das „sich kümmern“. Es wäre toll, dass die Bahn so etwas anbietet. Es macht auch echt Spaß, mit jeder Ansprache helfen zu können und sei es nur mit dem Hinweis, dass das hier zwar das GLEIS 5 sei, die U5 aber eine Etage höher abfahre. Ein Lächeln ist dann die beste Belohnung.

Das magische 9€ Ticket

Noch ein Wort dazu. Es ist und bleibt ein äußerst beliebtes Angebot. Was die Leute bereit sind auf sich zu nehmen, ist schon der Wahnsinn. „Sie möchten von Berlin nach Stuttgart? Mit dem 9€ Ticket? Moment, ich schaue, das bedeutet 5 x umsteigen und 10 Stunden Fahrzeit? Okay?“ Na dann, kein Problem. Manche fotografieren dann meine 3 Handyseiten mit der Verbindung ab, da sie selber nicht den DB Navigator installiert haben.

Mutig, mutig. Wenn mitten drin was schiefgeht sind sie aus meiner Sicht komplett verloren, da manche dieser Verbindungen auch spät in der Nacht enden. Die Kolleg:Innen in den Zügen sind leider nicht so begeistert wie die Reisenden. In einer Sardinenbüchse für Ordnung zu sorgen, vielleicht sogar noch die Tickets zu kontrollieren, ist oft fast unmöglich. Die Stimmung in den Zügen ist dann leider oft auch nicht die Beste. Ich kann das durchaus verstehen, wenn ich in manchen abfahrenden Zug hineinschaue.

Am Ende hält das Ganze übrigens auch noch fit, ich hab nach jeder Schicht rund 11 KM auf dem Schrittzähler, die Berliner Bahnsteige sind eben lang. Den Kaffee für die Pause zwischendurch gibts bei Backwerk – für mich sogar 50 ct billiger – und wenn ich eine halbe Stunde nach Schichtende zu Hause auf dem Sofa oder im Bett liege, bedankt sich mein Körper für die Erleichterung. Ich hoffe am Ende, dass alle Reisende ihr gewünschtes Ziel erreicht haben.

5 Antworten auf “Reisendenlenker”

  1. Dir wird es ja wirklich nicht langweilig, weil Du es so willst. Wenn ich das so lese, bin ich froh, dass ich mich in meinen Hobbit (Wohnmobil) schwingen kann und nicht in den vollen Zug steigen muß. Ich wünsche Dir noch viele erlebnisreiche Einsätze.

  2. Interessante Einblicke, Harald. Und spannend, es Du Dir als Rentner bzw. Unruheständler so gibst 😉
    Falls Du allerdings jetzt auch dem Wahn dieser völlig verkorksten und nicht vom Rat für deutsche Rechtschreibung empfohlenen und von der Mehrheit der Bevölkerung nicht getragenen Schreibweise „Kolleg:innen“ verfallen bist, dann fände ich das schade. Und es würde mir nicht nur das Lesen Deiner Posts erschweren, sondern vielleicht auch zur Ablehnung führen.

    1. Moin Jens, selbst der Rat räumt ein, dass Sprache und Schrift ständiger Veränderung unterliegen und es halt zum jetzigen Zeitpunkt nicht empfohlen. Er rät auch zur Gelassenheit. Ich hab das Binnen I mit aufkommen der TAZ Ende der 70er und den Grünen Anfang der 80er seit langem so verinnerlicht, dass ich damit überhaupt kein Problem sehe. Beim Schreiben passiert das automatisch und die Schreibweise mit dem : scheint sich in DE durchzusetzen, ist sogar barrierefrei.

      Hier noch 2 unaufgeregte Links dazu …

      https://www.typolexikon.de/genderzeichen/

      Klicke, um auf Gendern_-_Pro_und_Contra_PDF_01.pdf zuzugreifen

      Im zweiten Link gehörst du eben zur 1 Abteilung, ich sehe mich eher der 2. Abteilung zugehörig 😉 We shall see, were it ends. Achja, im englischen ist halt vieles einfacher.

      Aber das Maskuline Generikum im Deutschen ist nun mal nicht neutral, sondern eben, dass was es ist: Die männliche Form als Oberbegriff. Sorry, aber das passt eben auch nicht mehr in die Zeit 😉

  3. … und mein Blick in den Navigator offenbart ihr Schicksal, dass sie selbst noch nicht kennen.
    Auf solche Formulierungen muss man erst einmal kommen. Das kannst nur du, Harald.
    Danke für deinen coolen Bericht und für deinen Einsatz. Die Bahn lässt dich nicht los.
    VlG Regina

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