This is the right time

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Um das Wild at Heart in Kreuzberg betreten zu dürfen, muss man am bärtigen Torwächter vorbei. Der sitzt schweigend hinter einer Glasscheibe in einem kleinen Kabuff und zuckt auf die fragende Ansage „Drei Personen?“ nicht mit der Wimper, geschweige denn, das er einen Preis nennt. Der steht schließlich auf einem kleinen Zettel irgendwo neben ihm. Nach dem durchreichen des Obolus bekommt man schweigend einen Stempel auf die Hand. Hatte ich lange nicht mehr. Kommunikation scheint auch out zu sein. Nach dem Eintritt in das Lokal weiß ich aber auch gleich wieso. Nach dem Stempel knallt mir die Musik dermaßen auf die Ohren, dass es nur so kracht. Eine Mischung zwischen Metal und Hardrock, und als Beilage… Rauch! Es darf geraucht werden und es wird geraucht. Wir, Sara, Anna und ich, zwängen uns durch den engen Schlauch Richtung Theke und ich begrüße kurz den Leadsänger der Band Sonic Rapture, wegen der ich schließlich hier bin. Eine Begrüßung ist hier gleichbedeutend mit „sich anschreien“. Geht nicht anders. Richard, der Frontmann der Band, erwähnt kurz dass es später wird, da noch eine Vorband spiele. Okay, neun Uhr ist für Berlin eh sehr früh.

Wir suchen uns drei Barhocker am Ende der Theke und Anne bestellt bei der Bedienung, eine Art in die Jahre gekommenem „Machete“ (Achtung Bild: 2,5 MB) mit leichtem Bauchansatz, drei Bier. Ich kann meins gerade noch schreiend in „AAAALSTER“ umbestellen, danach werden drei Gläser gezapft, ohne den Zapfhahn zwischendurch zu schließen. Drei fertige Bier in 30 Sekunden mit reichlich Überlauf. Scheint hier zur Kultur zu gehören. Zu „Machete“ gesellen sich im Laufe des Abends noch eine Art „Lederwalküre“ und ein rothaariger „Kreuzberger Pumucklpunk“ mit roten Haaren, der für anliefern und abräumen zuständig zu sein scheint. Alle sichtbar durchtätowiert. Hinter der Theke an der Devotionalenwand hängen wild durcheinander Figuren von Elvis, Achmed „the dead Terrorist“, ein Faun mit riesigen erigierten Penis (läuft da nicht grad was mit Sexismus?) und weitere Horrorfiguren. Die T-Shirts des Bedienpersonals huldigen Iron Maiden, den Leningrad Cowboys oder einfach einer ominösen Zahl „666“. Hat wohl insgesamt was mit der Musikrichtung zu tun, die nach wie vor aus den Boxen knallt. An der Decke hängt bunter Flitterkrams.

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Das Publikum ist recht jung und trägt vereinzelt Led Zeppelin Shirts. Ob bewusst, oder wegen Retro ist nicht auszumachen. Insgesamt hätte ich hier ein anderes Publikum erwartet, es korrespondiert in keiner Weise mit dem Interieur der Kneipe oder mit der Besatzung. Es kann aber auch an den beiden Bands liegen, die auf Facebook für die Party mobilisiert haben und sicher viele Freunde hergelockt haben. Zuerst spielen Priscilla Sucks, sozusagen die Vorgruppe für den Hauptact. Drei junge Männer prügeln auf ihre Instrumente, Lead-, Bassgitarre und Schlagzeug ein und produzieren dabei soviel Lärm wie ein startendes Flugzeug. Also mein persönliches Hörempfinden, dass inzwischen sicher schon einigen Schaden genommen haben dürfte. Die Idee meiner Frau, Ohrstöpsel mitzunehmen, wäre wohl doch keine so Schlechte gewesen. Andere Besucher haben da wohl schon Erfahrungen gemacht und waren entsprechend besser präpariert. Aber „hey“, ist schließlich „Rock’n Roll“, das muss so.

Die Schätzung von Richard war gar nicht so schlecht, um kurz vor elf durfte Sonic Rapture endlich ihre neue EP vorstellen, die es als Platte ausschließlich auf Vinyl gibt, allerdings auch in den diversen Online-Musikläden erworben werden kann. Wie bei solchen Veranstaltungen üblich, ist aus dem Lärmteppich nicht wirklich eine Melodie herauszuhören, es sei denn man drückt sich die Finger fest in die Ohren. Ich hatte mich direkt bis vorne an den Bühnenrand begeben, um das Spektakel aus der Nähe zu sehen, bisher kannte ich Richard ja nur als freiberufliche Ergänzung in unserem Redaktionsteam der Bahn. Eine gewisse Rockstarattitüte auf der Bühne ist ihm jedenfalls nicht abzusprechen und die Musik ist auf jeden Fall etwas filigraner als die der Vorband. Nach zwei Songs streiche ich aber die Segel und ziehe mich wieder zurück auf ein letztes Bier in die Tiefen des Bartresens.

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Zum Schluss frenetischen Jubel und nach einer Zugabe verlassen Sonic Rapture die Bühne und wuchten ihre Gitarrenkoffer durch das inzwischen völlig überfüllte „Wild at Heart“. Klar, es ist Samstagnacht kurz vor zwölf und ab jetzt wird ausgegangen. Ich überlasse die beiden Mädels ihrem Schicksal in der Rockerkneipe mit nettem Publikum und begebe mich – tief durchatmend – hinaus in die Kreuzberger Nacht. Die U1 ist genau so brechend voll wie um 21 Uhr bei der Herfahrt. Wahnsinn, was Berlin Nachts noch an Leben auf der Straße hat. Den Weg von der Endhaltestelle der U1 an der Warschauer Straße zurück in meinen Kiez, muss ich mir genau so erkämpfen, wie morgens im Berufsverkehr. Kaisers hat bereits zu, es ist nach 24 Uhr und die Sonntagsruhe hat begonnen, bevor es am Montag wieder heisst, 24 Stunden rund um die Uhr, sechs Tage die Woche. Es hat leicht angefangen zu schneien und nachdem ich noch drei jungen Spanierinnen erklären konnte, was „Three“ und „Passport“ auf deutsch heisst, wollten Sie nur noch wissen, wie sie zum Berghain kommen. Was man auch immer dort mit diesen beiden deutschen Worten anfangen kann. Mit einem „Good Luck“ verabschiedete ich mich in die Nacht und war kurz danach froh wieder zu Hause zu sein. Sara und Anne: Vielen Dank für die Begleitung und das Verständnis über mein Unverständnis 😉

Ach übrigens, seit Stunden hängen meine Klamotten draussen auf dem Balkon im Schneetreiben, um wieder halbwegs tragbar zu werden. Das Rauchverbot hat doch seine Vorteile.

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