Um im Rahmen unserer Kreuzfahrt nicht wieder von Zeebrügge nach Brügge zu fahren, wo wir schon ein paar mal waren, haben wir uns diesmal dazu entschlossen mit der Straßenbahn zu fahren. Noch dazu mit der längsten Straßenbahn der Welt. Die Küstenstraßenbahn (Kusttram) fährt 68 Haltestellen zwischen De Panne und Knokke-Heist an. Das Fahrzeug schlechthin also, um die flämischen Küste bequem vom Sitz aus zu bewundern. Sie ist mit ihren 67 Kilometern die längste Straßenbahnlinie der Welt. Nirgendwo anders kann man ohne Umsteigen so lange mit einer Straßenbahn fahren.

Was das Ganze fototechnisch für mich noch interessant machte, ist die Tatsache, dass man entlang der belgischen Küste darüberhinaus von zahlreichen Skulpturen überrascht wird, die Teil der einzigartigen Triennale am Meer sind. 42 Kunstwerke des Beaufort-Skulpturenparks sind über die gesamte belgische Küste verstreut. Seit seiner allerersten Ausgabe im Jahr 2003 wird der Skulpturenpark alle drei Jahre um dauerhafte Werke erweitert.

Wir sind also gut anderthalb Stunden von Zeebrügge bis nach Mittelkerke gefahren und dort ausgestiegen. Wie wir festgestelllt haben, waren wir hier vor langer Zeit schon mal mit dem Wohnmobil, bevor wir damals doch lieber weiter nach Brügge gefahren sind. Diesmal aber kehren wir kurz in der Strandbar „de kwinte“ ein und laufen anschließend die Promenade entlang, den Kunstwerken folgend.
Hier die Exponate entlang unseres Spaziergangs.

Seit den Anfängen des Internets sind unsere Browser mit der Mythologie der frühen Globalisierung verbunden. Sie tragen Namen wie Navigator, Explorer und später Safari. Das imposante Denkmal The Navigator Monument van Simon Dybbroe Møller beruht auf dem Logo einer früheren Suchmaschine, dem „Netscape Navigator“. Mein Foto-Charlie fängt die Dimension nicht ganz ein, aber man kann im Steuerrad gut stehen.

Ein Stück weiter zeigt die Metamorphosis die Mutation einer Erdkröte zu einem Tisch. „Der Künstler Oliver Laric entwirrt diese Transformation gründlich. Jede Transformationsphase ist ein Bild für sich, von gleichem Gewicht und Bedeutung. Laric sucht dabei nach neuen Formen der Hybridität und Variation, die bei der Verbreitung von Objekten und Artefakten entstehen.“ Da musste ich mich doch gleich mal dazwischen quetschen und Ulla die Kamera in die Hand drücken. Ich „metamorphose“, also bin ich.

Wieder ein Stück weiter dem Strand folgend, finden sich zwei große Trichter wie von alten Grammophonen im Sand. „Man kann sie umkreisen und berühren. Man kann zuhören und beobachten: Der Lette Ivars Drulle erwartet vom Publikum, dass es mit seinen Objekten interagiert. Mit I Can Hear It gibt er den Zuschauern die Gelegenheit, kurz der Alltagshektik zu entfliehen und in der natürlichen Kraft des Meeres aufzugehen. Auf der Rückseite sitzt die kleine Bronzefigur einer Frau auf einer Bank, die einem Trichter zuhört.“ Man kann sich theoretisch noch neben die Frau setzen, aber der Wind hat im Herbst den Sand soweit aufgetürmt, dass von dem Bänkchen nichts mehr zu sehen ist.

Der Caterpillar von Wim Delvoye – das nächste Objekt – befindet sich seit 2003 auf dem Deich von Middelkerke. „Das Werk, das jetzt zu sehen ist, ist nicht das Original aus dem Jahr 2003. Dieses erhielt im gleichen Jahr einen neuen Standort am Ground Zero in New York. Der aktuelle Caterpillar steht hier seit 2004 und erhielt im Mai 2019 eine spektakuläre Erweiterung mit dem dazugehörigen Auflieger Flatbed Trailer. Gemeinsam bilden sie ein neues, imposantes, 21 Meter langes Kunstwerk. In diesem Werk symbolisiert der Gummiradbagger die moderne Zeit, während die Dekorationsmuster einer gotischen Kirche auf das Mittelalter verweisen.“

Das letzte Objekt auf unserem Spaziergang entlang der Promenade in Middelkerke ist Olnetop von Nick Ervinck. Es wirkt auf den ersten Blick wie ein Ungeheuer aus dem All. „In der hybriden Form kann man verschiedene Elemente erkennen, die Installation verweist jedoch vor allem auf aufspritzende Wellen“. So der belgische Künstler. „Er lässt sich dabei von der natürlichen Dynamik des Meerwassers inspirieren, das mit einer konstanten Kraft an die Wellenbrecher prallt. Mit seinem Werk versucht er, die sublime Gewalt, die auf der Lauer liegt, unter einer besinnlichen Oberfläche zu bändigen“. Spannend, oder?
Es gäbe noch viele weitere Werke entlang der Küste zu besuchen, aber dazu fehlt uns schlicht die Zeit. Wir haben nur einen Tag und unser Schiff legt schließlich pünktlich ab. Im Zweifel auch ohne uns. Also nehmen wir die nächste „Kusttram“ zurück nach Zeebrügge freuen uns über das tolle Erlebnis und beschließen den Abend bei einem alkoholfreien Cockail in der Oceanbar.


In der flaemisch-niederlaendischen Welt gibt es viel Offenheit für Kunst. 👍🙂